…wohne ich in einem neuen landkreis. ich bin nicht umgezogen, der kreis hat sich verändert. im zuge der kreisgebietsreform wohne ich jetzt nicht mehr in der kreisfreien stadt greifswald sondern in der kreisstadt des neuen landkreises vorpommern-greifswald. anklam hat nach über 100 jahren seinen kreisstadtstatus verloren und das politische ringen um die verwaltungsstrukturen verschärft sich. das gesetz sieht greifswald als kreisstadt vor, doch über den landrats- und verwaltungssitz entscheidet letztendlich der neue kreistag. das stört die greifswalder politiker und es ist die letzte hoffnung, dass anklam und das strukturschwache umland nicht vollständig ausbluten.
anklam hat in der letzten zeit sehr gelitten: die außenstelle der berufsschule wurde geschlossen, die grafik- und designschule zog nach greifswald, die polizeidirektion wurde zur polizeiinspektion herabgestuft und verlor unter anderem die einsatzleitstelle. eins der beiden neu geschaffenen polizeipräsidien wird seinen sitz in neubrandenburg haben, das andere in rostock. und die neue kreisstadt wurde greifswald, der “leuchtturm im strukturschwachen vorpommern”. für die beiden letzten punkte ist maßgeblich lorenz caffier verantwortlich, der meines wissens für beides zuerst anklam favorisiert, sich dann aber umentschieden hatte. greifswald und neubrandenburg haben eben mehr wähler als anklam und herr “c wie zukunft” sorgt sich anscheinend mehr um diese als um die zukunft vorpommerns.
wenn nun auch noch landrats-, kreistags-, und verwaltungssitz des neuen kreises nach greifswald, das ganz am nordwestlichen rand des kreises liegt, ziehen, bekommt die stadt ein politisches übergewicht. die basisdemokratie wird massiv gefährdet. vorpommern-greifswald erstreckt sich bis weit hinter pasewalk, das schon 100km von greifswald entfernt ist. wieder einmal wird gern das saarland als größeneinheit herangezogen, denn der neue kries ist so groß wie ebenjenes. wer will sich denn nebenamtlich in einem ausschuss engagieren, wenn er dafür anderthalb stunden autofahrt auf sich nehmen muss? entweder werden dann nur noch berufspolitker entscheiden, die sowieso ein kreistags- oder landtagsmandat oder einen bürgermeisterposten haben oder aus der südlichen region des kreises wird sich niemand mehr engagieren und der ehemalige kreis ueckerrandow versinkt in politischer lethargie.
es gab einen bürgerentscheid über den kreisnamen, allerdings hatte man lediglich die wahl zwischen pest und cholera: vorpommern-greifswald (an sich schon blöd, weil greifswald in vorpommern liegt) oder ostseehaffkreis vorpommern, sehr gewöhnungsbedürftig, lang, berücksichtigt mehr aber nicht alle regionen des kreises. die mehrheit bekam vorpommern-greifswald. es werden sich beiweitem nicht alle menschen mit dem neuen namen identifiezieren können. pasewalk ist weder vorpommern noch greifswald und penkun liegt schon dichter an berlin als an greifswald. mit großer wahrscheinlichkeit wird dies das politische desinteresse noch weiter verstärken; ein sehr guter nährboden für extreme gruppierungen.
auch die npd ist mit 6 von 69 sitzen wieder in den kreistag eingezogen. mit überraschend plumpen, aber eingängigen slogans traf sie wieder den nerv von bis zu einem drittel der bevölkerung in einigen wahlkreisen. man kann zwei arten von wahlslogans feststellen. hier ein paar beispiele:
- prägnante sprüche, die mehr oder weniger mit der aktuellen politischen diskussion zu tun haben
- “wir sind nicht das sozialamt der welt”
- “nicht weichgespült”
- “schluss mit blitzerabzocke”
- kompletter blödsinn
- “polen offen? job weg! auto weg!”
- “sei kein frosch, wähle deutsch!”
- mein favorit: “atomtod aus polen stoppen!”
die npd wird die wachsende entfernung der politik von der bevölkerung gut für sich nutzen können.
der eigentliche zweck der kreisgebietsreform ist die verschlankung der verwaltungsstruktur und damit verbundene einsparungen. der erste schritt dorthin war die schaffung einer koordinationsstelle, die die verwaltungen zusammenführen soll. es steht allerdings zur diskussion, ob in den alten kreisstädten außenstellen der verwaltungen erhalten bleiben, um die erreichbarkeit zu gewährleisten. dazu werden wesentlich größere fahrtkosten anfallen, vor allem, wenn alle haupt- und ehrenamtlichen mitarbeiter den kreis von greifswald aus befahren bzw. von irgendwoher bis nach greifswald fahren müssen.
es bleibt abzuwarten, was der neue kreis und vor allem der neue kreistag bringt. jetzt stehen erstmal noch stichwahlen für den landrat an.