…und eine horde bekloppter versammelt sich vor der schule und macht einen heiden lärm. eine knappe stunde später, ziehen 75 leute lärmend und größtenteils ziemlich dämlich angezogen durch die anklamer innenstadt und verstopfen die straßen. nein, es ist keine ver.di- oder gew-demo, die angehenden abiturienten des anklamer gymnasiums feiern ihren letzten schultag. ich gehörte ebenfalls zu dieser horde bekloppter. an diesem einen tag unseres letzten schuljahres ließen wir die schule ein letztes mal schule sein, bevor wir dann in den kommenden tagen über mehrere stunden in klausur analysieren, interpretieren, diskutieren und rechnen müssen.
unser umzug durch die stadt dauerte etwa eine dreiviertelstunde. wir alle hatten unsere abi-t-shirts, mit unserem motto “mafiabi – unser größter coup seit 12 jahren”, an. die meisten wollten noch etwas auffälliger sein und haben sich die haare gefärbt, bunte röcke bzw kilts angezogen oder hatten sehr merkwürdige hüte auf. einige hatten auch ihre schulmappe aus der ersten klasse oder ihre schultüte von der einschulung dabei. unsere tutoren waren natürlich auch dabei, mussten jedoch nicht laufen, sondern wurden in einem oldtimer chauffiert. sie fuhren an der spitze unseres zuges, gleich hinter dem polizeiauto, das immer eine straßenseite für uns sperrte. als wir wieder bei der schule ankamen, musste der spaß erstmal zurückgenommen werden, denn wir mussten alles für unser programm auf dem schulhof aufbauen. die tänzer übten noch mal ihre tänze und es wurden letzte abaprachen bezüglich programmablauf und tontechnik getätigt. der prinzipielle ablauf des programms ist tradition und jedes jahr gleich: die veranstaltung beginnt, indem der abiturjahrgang die klassenräume stürmt, mit bonbons schmeißt und so alle schüler aus dem unterricht auf den schulhof holt. dann beginnt das programm mit dem inszenierten einzug der abiklassen und der tutoren. es gibt ein paar paar gags, es gibt tänze und es gibt wettbewerbe, in die die lehrer eingebunden sind, wobei sie sich immer wieder zum löffel machen. nach dem lustigen teil des programms wird eine kurze abschlussrede von unseren eigenen leuten gehalten, in denen noch einmal unsere zeit am gymi zusammengefasst wird. danach treten alle nacheinander in zweier- oder dreiergruppen vor die tutoren und verbeugen sich.
schon vor beginn des programms zeigten sich die ersten probleme. der demographische wandel hatte uns einen strich durch die rechnung gemacht. es gibt einfach nicht mehr so viele klassen wie früher. wir mussten erst mal räume suchen, in denen überhaupt noch unterricht war. viele lehrer hatten ihre klassen auch schon vorher rausgeschickt. ich glaube, im ganzen haus gab es nur noch zwei oder drei klassenräume, in denen wir den unterricht stören konnten. das war schon mal doof. wir ließen uns die laune aber nicht vermiesen. der inhalt des programms muss jedes jahr passend zum motto neu erfunden werden. das ist unserem kommitee für den letzten schultag gut gelungen. unser jahrgang besteht aus drei klassen und so waren wir drei mafia-gruppierungen: die italienische, die russische und die amerikanische mafia und unsere tutoren waren die jeweiligen clan-chefs. die einzelnen gruppen mussten dem obersten paten (also unserem schluleiter) in prüfungen beweisen, ob sie zu guten mafiosi ausgebildet wurden. die prüfungen waren:
- der drogenschmuggel: die drei kontrahenten bekamen handschellen angelegt und mussten mussten einen pfannkuchen mit extrem viel puderzucker so schnell wie möglich aufessen.
- das gemäldefälschen: hier traten die kunstlehrer stellvertretend für die klassen gegeneinander an. auch sie bekamen handschellen angelegt und ein stirnband mit einem pinsel vorne dran aufgesetzt. dann hatten sie drei minuten zeit, auf einer großen leinwand die mona-lisa möglichst originalgetreu zu kopieren.
- russisch-ei-roulette: drei schüler bekamen schutzanzüge an. jeweils ein lehrer musste ihnen dann ein ei auf dem kopf schlagen. war es roh, hatte der schüler verloren.
- banküberfall: hier mussten die tutoren in betonschuhen (leere blumentöpfe mit eingeklebten badelatschen) einen kleinen hindernisparcours durchqueren und in zwei minuten so viele kleine “geldsäcke” wie möglich mitnehmen.
es gab auch gute tanzeinlagen und der höhepunkt der veranstaltung war ein schüler, der als marilyn monroe verkleidet aus einer papp-torte gesprungen ist und für unseren oberpaten getanzt hat.
ebenso tradition wie die abschlussrede und die verbeugung ist das lehrer-café. alle lehrer waren nach dem programm zu kaffee und kuchen eingeladen.
am frühen abend gings dann nach pinnow, ein kleines dorf in der nähe von anklam mit badesee und einer jugendherberge. dort hat der ganze jahrgang noch gefeiert. es wurde gegrillt, getrunken und später auch lieder am lagerfeuer gesungen. sogar unsere tutoren kamen für ein paar stunden vorbei.
der letzte schultag ist sehr schnell vorbeigezogen. die ganze dimension dieses ereignisses haben wir, glaube ich, noch gar nicht begriffen. die jahre davor war es immer nur eine willkommene abwechslung im unterrichtsalltag, wenn “die großen” ihr programm gemacht haben. plötzlich sind wir “die großen” und es war keine abwechslung, sondern der abschluss.