am nächsten tag bekamen wir eine kleine führung durch porto alegre, sahen uns die innenstadt, historische gebäude und kirchen an. interessant war der mercado público, der wohl urspünglich mal ein marktplatz war, später mit einem gebäude umbaut und in der neuzeit überdacht wurde. so wurde dann aus dem platz eine markthalle mit fest eingebauten ständen. ich habe mich ein wenig gefühlt wie auf der grünen woche. porto alegre befindet sich wie auch viele deutsche städte im wandel. der hafen hat so sehr an bedeutung verloren, dass er geschlossen wurde und nun für die touristische nutzung umgestaltet werden soll. die damit verbundenen ämter (wie das zollamt) wurden geschlossen, warten auf sanierung und neue nutzung.

nach dem sightseeing haben wir noch ein wenig zeit in der einkaufsstraße verbracht und dann machten wir uns auf den weg zum centro cultural 25 de julho, dessen name sich auf das ankunftsdatum der ersten deutschen einwanderer (25. juli 1824) bezieht. dort war wieder ein konzert angesetzt, allerdings mit leicht abgeändertem programm. wir strichen ein paar punkte unseres vollkommen geistlichen programms und nahmen dafür ein paar volkslieder und sogar männerchorstücke, die wir noch hastig einübten, hinein. letztere waren dann in der intonation etwas fragwürdig, aber fanden trotzdem anklang. das kulturzentrum trug auch etwas zum programm bei, nämlich mit einem männerchor. sie sangen eher brasilianische lieder und waren intonationsmäßig noch schlechter als wir, aber es war ach ein laienchor. nach dem konzert hörten wir uns noch einen gemischten chor an und die waren richtig gut. die sänger versammelten sich locker im flur und sangen vollkommen auswendig tolle pop- und jazzstücke.
ganz entgegen unserer gewohnheit, gab es nichts zu essen. wir fanden das jetzt nicht schlimm, unsere gastgeberin zeigte sich jedoch überaus entrüstet, als wir beim abendessen darauf zu sprechen kamen. diese leute im kulturzentreum seien “pão-duro” (“hartes brot” – geizig).
unser letzter ganzer tag in brasilien brach an. morgens sangen wir im gottesdienst der nahen gemeinde, wo wir abends auch unser letztes konzert geben sollten. witzigerweise wurden die lieder dort mit “doppelcontinuo” (wie man es bei barocker musik sagen würde) begleitet. das heißt, es spielten gleichzeitig klavier und e-orgel, sodass einerseits harmonien permanent klangen und durch das klavier eine percussive komponente dazukam. glücklicherweise spielten beide immer die gleichen harmonien, sodass keine bitonale begleitung entstand. das hätte nicht wirklich gepasst.
nach dem gottesdienst stellte die gemeinde wieder mal ein tolles mittagessen für uns bereit. bis zum konzert am späten nachmittag war nichts geplant, also fuhren wir gruppenweise mit dem bus in die innenstadt zu einem riesigen stadtpark, wo ein großer handwerksmarkt stattfand. es waren stände aufgebaut, die alle mehr oder weniger nützliche dinge verkauften und natürlich gab es dort auch straßenmusiker. so vertrieben wir uns die zeit, bis wir zurück mussten und da tat sich dann auch schon der haken auf. wir wussten nicht, welche linie zu unserer kirche fuhr und es gab auch keine pläne aus denen das ersichtlich war. zwei von uns stiegen also in jeden bus, von dem wir meinten, der könnte es sein, und fragten den fahrer, ob er dort hin fuhr, wo wir hin wollten. einmal machte der fahrer einfach die tür zu und fuhr los, lies die beiden aber zum glück fünzig meter weiter an der nächsten roten ampel raus. irgendwie haben wirs aber doch noch mit zwei bussen und ein wenig fußmarsch geschafft, rechtzeitig an unser ziel zu kommen.
eigentlich war ein deutsch-brasilianisches chortreffen geplant. vier lokale chöre und wir sollten jeweils ein paar stücke singen und zum schluss sollte gemeinsam die choralkantate “verleih uns frieden” von mendelssohn erklingen. leider war anscheinend die beteiligung der lokalen chöre zu gering. also sangen wir unser ganzes programm und zum schluss kamen dann die anwesenden brasilianischen chorsänger dazu und sangen mit uns zusammen den mendelssohn. es hat spaß gemacht, mal wieder mit etwas stärkerer besetzung zu singen.
nach dem konzert gabs ein gemeinsames abendessen, das wiederum die gemeinde bereitstellte. da es unser letzter abend war, wollten wir noch feiern und was trinken gehen, aber in der gegend gab es keine bars und die innenstadt war ein ganzes ende entfernt. wir beschlossen spontan, alle zu unserer gastgeberin nach hause einzuladen. wozu hat die schließlich einen partyraum? allerdings ging jeder erstmal zu “sich” nach hause und wir hatten ein wenig zeit, unsere gastmutter auf die ankunft einiger gäste vorzubereiten. glücklicherweise hatten wir sie richtig eingeschätzt und sie hatte kein problem damit. interessanterweise hatte sie auch noch besuch, nämlich von ihrer schwester und deren tochter plus familie, die eine 200km lange autofahrt auf sich genommen haben, nur um uns singen und herrn modeß dann abends klavier spielen zu hören. so saßen wir erst im wohnzimmer zusammen, tranken wein und aßen schon wieder und als die familie abfuhr, trudelten bald unsere leute ein und der abend verlagerte sich in den partyraum.

mangels limetten haben wir versucht, caipirinha mit orangen zu mixen. das war allerdings mittelmäßig scheußlich und ich hatte am nächsten tag erstmal leichte magenprobleme. ansonsten war der abend allerdings sehr schön, wenn auch nicht so exorbitant lang, denn am nächsten tag war abreise.
der flug sollte erst abends gehen, also hatte herr modeß noch einige tage vorher ein kleines programm organisiert. wir fuhren nach são leopoldo und besuchten dort eine ausbildungsstätte für evangelische theologie und kirchenmusik.

sowas gibt es brasilien so gut wie gar nicht. die studenten müssen ihr studium dort privat finanzieren und die kirchenmusiker fangen dort in der regel bei null an und lernen eher klavierspielen, denn orgeln sind ja sehr dünn gesät. wir stöberten in der bibliothek und stellten fest, dass ein großer teil der bücher aus privaten spenden kommen muss. bei den noten gibt es viel hausmusik und auch bei der sonstigen literatur stößt man auf raritäten wie zum beispiel “mein kampf” (auf deutsch) von einem gewissen hitler. die direktorin empfing uns dann zu einer kleinen vortrags- und fragerunde, wobei der pfarrer, der für uns das programm in porto alegre organisiert hatte, dolmetschen musste. wir aßen noch mittag in der cafeteria und dann ging es auch schon bald mit dem bus richtung porto alegre zum flughafen. unsere rückreise hatte der pfarrer dort auf dem programmzettel mit “heim ins reich” betitelt.
abreise
wir mussten am flughafen noch zeit totschlagen, denn wir hatten vorsichtshalber großzügig geplant. als wir durchs terminal schlenderten hörten wir auf einmal großes gekreische und wurden neugierig. als wir uns der geräuschquelle näherten, sahen wir eine große menschentraube, die jedes mal aufschrie, wenn die schiebetür aufging. ab und zu lösten sich kleine gruppen und rannten in eine bestimmte richtung. bei genauerer betrachtung stellten sich die menschen als hysterische mädchen im teenageralter heraus. wir fragten jemanden an der information, wer denn da ankommt, dass alle hier so rumkreischen, doch man konnte uns nicht weiterhelfen: “don’t know. maybe a band?” also hielten wir eins von den mädchen an und die verkündete unsmit leuchtenden augen: “nick jonas is coming!”, und rannte weiter. alles klar.
das einchecken erwies sich wieder mal als großes problem. anscheinend ist es unmöglich, eine gruppe schnell abzufertigen. zuerst wurden erst mal alle pässe eingesammelt und dann wieder ausgeteilt, damit wir sie beim einzelcheckin wieder vorzeigen konnten. als sich zwei schalter gerade mit dieser überaus komplizierten prozedur eingearbeitet hatten, wurde ein dritter schalter eröffnet, an den ich gewunken wurde. ich sagte vorsichtshalber, dass ich zu der gruppe gehöre, doch die frau gab mir zu verstehen, dass das egal sei. da stand übrigens noch ein koffer auf dem band, der nicht mir gehörte. er hatte auch schon einen aufkleber dran und hätte nur nach hinten befördert werden müssen. doch anstatt dies zu tun, stellte die frau ihn einfach beiseite. so ist das also, wenn koffer verloren gehen. nach längeren verzweifelten versuchen, mich abzufertigen rief die frau eine kollegin zu hilfe, die ihr dann erklärte, dass ich zu der gruppe da gehörte. dann bekam auch mein koffer einen aufkleber, doch irgendwie schien das was falsch gewesen zu sein. sie riss das schild wieder ab, klebte ein neues ran und fragte noch mal: “your baggage to hamburg?”, und ich bestätigte mit skeptischem blick. dann suchte der kollege aus einem großen stapel ausgedruckter tickets meine heraus. das erste (porto alegre – lissabon) war schnell da, das zweite (lissabon – hamburg) kam dann nach zehnminütiger suche auch zum vorschein.
ein blick aufs ticket ließ mich noch mal zusammenzucken: mein gepäck war auf “blume”, den namen eines anderen mitsängers gebucht. es stellte sich heraus, dass unser aller gepäck auf ihn gebucht wurde, warum auch immer.
die nächste schrecksekunde war dann bei der ausreise: haben alle ihren zettel dabei? hab ich ihn dabei? ja, der personalzettel von der einreise war noch da und alle durften ohne größeren aufwand ausreisen.
um 19.25 uhr hoben wir ab richtung lissabon. der flug dauerte zehneinhalb stunden. leider konnte ich nicht einschlafen. ab und zu bin ich mal weggenickt, aber das glich eher einer ohmacht. ich vertrieb mir die zeit mit lernen und filmegucken und auf den sonnenaufgang warten. zehn stunden sind ja lang, aber so lang habe ich sie noch nie erlebt. den sonnenaufgang habe ich dann aber tatsächlich erwischt und er hat ungefähr 30 sekunden gedauert, dann war es schon so hell, dass man das fenster wieder verdunkeln musste.


irgendwann gab es dann ein frühstücksmenü mit nichtfrischem salat, nichtfrischen tomaten und nichtmozzarella. nach einer ewigkeit erreichten wir um kurz nach zehn den flughafen lissabon.
unser anschlussflug ging erst um 18.15 uhr. also machten wir uns völlig übermüdet bei 30°C und knalliger sonne auf den weg zum fado-museum. zuerst fuhren wir mit dem flughafenbus in die innenstadt. das war unglaublich nervig, weil der alle 20 meter abwechselnd an roten ampeln und haltestellen anhielt und nie jemand ausstieg, es stiegen nur leute ein. in brasilien wurden wir ständig vor der hohen kriminalität und den vielen drogen gewarnt. in lissabon kamen innerhalb von 15 minuten drei leute an, die uns gras oder irgendwelche pillen verkaufen wollten. nach dem bus fuhren wir mit der historischen straßenbahn weiter, die mich noch mehr angekotzt hat. es war eng, laut, ruckelig, unbequem und die wagen waren anscheinend nicht für den transport von so vielen leuten gedacht. es knirschte manchmal bedrohlich.
als wir ausstiegen, kamen wir an einer großen kirche vorbei, wo modeß natürlich unbedingt “die akustik testen” wollte. und so sangen wir eine fürchterliche jetlag-version von “denn er hat seinen engeln” von mendelssohn. dann kamen wir endlich am fado-museum an, das sich als außerordentlich fade herausstellte. fado ist eine portugiesische volksmusik, die irgendwann im 18. oder 19. jahrhundert in den armenvierteln entstand. die highlights des faden museums waren eine sonderausstellung zu instrumenten, wo zehn mal die gleiche zwölfsaitige gitarre ausgestellt wurde und ein klimatisierter kinosaal mit unglaublich bequemen sitzen, wo man sich von einem film in endlosschleife mit asynchroner tonspur berieseln lassen konnte. danach teilten wir uns in zwei gruppen. die einen fuhren gleich zurück zum flughafen, die anderen gingen noch zu einer burg auf einem berg. natürlich ging ich mit zur burg, um mir den rest zu geben.

irgendwie kamen wir dann auch wieder zum flughafen und flogen um 18.15 uhr nach hamburg. um 22.35 uhr kamen wir in der heimat an. am gepäckband kam dann prompt die durchsage dass “die passagiere xyz und blume sich zur gepäckidentifizierung am serviceschalter melden sollen”. wir malten uns aus, was die leute da sagen würden: “herr blume, warum reisen sie mit 26 koffern?”, aber es stellte sich raus, dass ein koffer nicht mitgekommen war und dann am nächsten tag nachgeschickt werden sollte. dann hatten wir nur noch drei stunden busfahrt nach greifswald zu bewältigen.
nach ungefähr 45 stunden wachsein fiel ich gegen 3.00 uhr in mein bett.
epilog
am nächsten morgen wurde ich von einem anruf geweckt. meine flötenlehrerin, wollte einen termin für die nächste unterrichtsstunde machen, aber ich war zu solchen geistesleistungen noch nicht fähig und ich musste sie auf die nächste woche vertrösten. ich konnte es noch nicht ganz realisieren, dass ich wieder zu hause war, beziehungsweise, dass ich zwei wochen lang über 10000km entfernt von hier war. als ich durch greifswald ging, bewegte sich der verkehr wie in zeitlupe, denn zwei wochen lang mussten wir uns im brasilianischen verkehr behaupten und der fahrstil dort ist eben ein wenig offensiver. es war schön, sich wieder ohne pantomime verständigen zu können und über die straße zu gehen, ohne angst um sein leben habe zu müssen.
ich verbrachte einige tage damit, meine gut 450 fotos auf eine auswahl von rund 190 einzudampfen. und die schriftliche aufarbeitung zog sich bis heute hin.
einige wochen später – am 5. november – sangen wir unser programm noch ein letztes mal in der kirche in wieck. das schöne war, dass wir mal eine vernünftige akustik hatten, was in brasilien bei keinem konzert der fall war. leider war das konzert relativ schwach besucht und wir hatten uns zu sehr an den begeisterten applaus der brasilianer gewöhnt.
vor und nach dem konzert ließen wir die zwei wochen noch einmal revue passieren und werteten unsere fotos aus.
ich freue mich schon auf die nächste reise.